al-Imām
al-Imām (Jawi الإمام ‚Vorbild, Richtschnur‘) war eine malaiische Monatszeitschrift in Jawi-Schrift mit islamischer Ausrichtung, die vom Juli 1906 bis Dezember 1908 in Singapur erschien. Es war die erste Zeitschrift in Südostasien, die die Ideen der in Kairo ansässigen islamischen Reformisten Muhammad ʿAbduh und Raschīd Ridā aufgriff und verbreitete. Die Zeitschrift wurde von Tahir Jalaluddin (1869–1956) und Sayyid Shaykh al-Hadi (1867–1934) gegründet.[1] Sie erschien zu Beginn eines jeden Islamischen Monats[2] und folgte inhaltlich dem Modell von Raschīd Ridās Zeitschrift al-Manār.[3]

Inhalte
Nach Azyumardi Azra war al-Imām einer der wichtigsten Kanäle für die Übermittlung der Ideen von al-Manār in die malaiisch-indonesische Welt. Sie war auch äußerlich al-Manār ziemlich ähnlich und enthielt viele Verweise auf sie und Auszüge aus ihr.[4] Neben Anleihen bei al-Manār nutzte al-Imām aber auch andere arabische Zeitschriften.[5]
Nach William Roff galt al-Imāms erstes Interesse nicht direkt dem sozialen oder politischen Wandel, sondern der Religion.[6] Traditionelle Formen des Islams, die mit Adat-Bräuchen vermischt waren, sollten gereinigt werden, und die ʿUlamā', die diesen hybriden Islam unterstützten, sollten dazu gebracht werden, den „reinen“ Islam auszuüben.[1] Botschaft der Zeitschrift war, dass die Hauptursache für den Niedergang der muslimischen Völker im Vergleich zu ihrem früheren Ruhm darin lag, dass sie aus Unwissenheit aufgehört hatten, den Geboten Gottes zu folgen, wie sie durch seinen Propheten Mohammed übermittelt worden waren.[7] Die Zeitschrift hatte auch einen Abschnitt mit Fatwas (malaiisch Soal dan Jawab), in dem die Notwendigkeit des Idschtihād, also der eigenständigen Interpretation von Koran und Hadith betont und vor Taqlīd, also blinden Befolgung der etablierten wissenschaftlichen Tradition, gewarnt wurde.[1]
Neben diesem Einsatz für einen gereinigten Islam beschäftigte sich die Zeitschrift auch mit aktuellem Geschehen und den Wirkungen des Kolonialismus.[1] Eine Reihe von Artikeln in al-Imām spiegelte den Unmut im Sultanat von Riau über die von der niederländischen Kolonialregierung eingeführten Änderungen im Hofprotokoll und die Abschaffung des Amtes des Yamtuan Muda wider. In diesem Zusammenhang wurde auch eine Rede veröffentlicht, die der älteste Sohn von Riau vor dem Rushdiyyah Club in Pulau Penyengat gehalten hatte. Ein wichtiger Gedanke in der Zeitschrift ist die Liebe zum Heimatland, wobei für dieses üblicherweise der arabische Begriff Watan verwendet wird, der sich im 19. Jahrhundert im Mittleren Osten verbreitet hatte.[8] Ein im September 1906 veröffentlichter Artikel sinnierte über das Schicksal der Länder, die ihre Unabhängigkeit verloren hatten und nur noch eine „Sammlung von Texten und Erzählungen“ besaßen. Im Dezember desselben Jahres publizierte die Zeitschrift einen Artikel von Sayyid Shaykh al-Hadi, in dem dieser den Europäern vorhielt, orientalische Völker in die Sklaverei zu führen, sich gegenüber orientalischen Herrschern doppelzüngig und respektlos zu zeigen und die Tore zum Wissen zu verschließen.[9]
Bezüglich der Bildung propagierte die Zeitschrift die Aufnahme weltlicher Themen in die traditionellen, rein religiösen Lehrpläne. Daneben beschäftigte sich al-Imām mit der Notwendigkeit sozialer und wirtschaftlicher Veränderungen in der malaiischen Gesellschaft, und die Zeitschrift appellierte an die Herrscher und hochstehenden Persönlichkeiten (raja-raja dan orang-orang besar), diese zu unterstützen.[1] In selbstkritischer Verurteilung tadelte al-Imām aber auch die Rückständigkeit der Malaien, ihre Beherrschung durch fremde Völker, ihre „Faulheit“ und „Selbstgefälligkeit“, ihren Streit untereinander und ihre Unfähigkeit, für das Gemeinwohl zusammenzuarbeiten.[7]
Von Anfang an enthielt die Zeitschrift auch regelmäßig Nachrichten aus Japan und der Türkei. Schon in ihrer ersten Nummer befasste sich die Zeitschrift unter dem Titel „Türkei und Japan“ mit dem Vorschlag für einen Religionskongress, der in Tokio abgehalten werden sollte.[7] Viel Beachtung fanden die in der Presse des Mittleren Osten kolportierten Berichte über die angeblich bevorstehende Konversion Japans zum Islam. Im Jahre 1907 finanzierten die Herausgeber der Zeitschrift die Übersetzung eines arabischen Werks des ägyptischen Nationalisten Mustafā Kāmil über Japan mit dem Titel aš-Šams al-mušriqa („Die aufgehende Sonne“).[10] Die Türkei war für al-Imām vor allem als Sitz des Kalifats von Bedeutung. Gegenstand der türkeibezogenen Artikel waren Berichte über ihre militärische Entwicklung und die angebliche Fürsorglichkeit von Sultan Abdülhamid II. Negative Berichte in der westlichen Presse über das Osmanische Reich wurden gemissbilligt. Als aber der Sultan 1908 von den Jungtürken gestürzt wurde, übernahm al-Imām deren Perspektive und stellte sie als Beschützer des Islams dar.[9]
Mitwirkende

Erster Herausgeber der Zeitschrift war Tahir Jalaluddin. Stellvertretender Herausgeber wurde der islamische Gelehrte Haji Abbas bin Muhammad Taha (geb. 1885), der in Mekka studiert hatte und 1905 nach Singapur zurückgekehrt war.[1] Er trat im März 1908 die Nachfolge von Tahir Jalaluddin als Herausgeber an.[11]
Al-Imām erhielt finanzielle und redaktionelle Unterstützung von drei Geschäftsleuten arabisch-malaiischer Abstammung in Singapur, die Handelsbeziehungen zur weiteren muslimischen Welt hatten: Scheich Muhammad Sālim al-Kalālī, Sayyid Muhammad ibn ʿAqīl und Scheich ʿIwaḍ as-Saʿīdīn.[1] Scheich al-Kalālī fungierte auch als erster Geschäftsführer der Zeitschrift.[12] William Roff meinte, dass diese drei städtischen Unternehmer auch die Leserschaft der neuen Zeitschrift repräsentierten.[13] Sayyid Muhammad ibn ʿAqīl war auch Agent für al-Manār tätig. Raschīd Ridā erwähnt in einem Nachruf auf ihn, dass er die Zeitschrift in Singapur, Java und in dem gesamten indonesischen Archipel verbreitet habe.[5]
Im März 1908 wurde die Geschäftsführung von al-Imām kommerziell neu organisiert, was zur Gründung der al-Imam Printing Company Ltd. führte. Das Startkapital von 20.000 Dollar lieferte al-Hadi zusammen mit Sayyid Muhammad ibn ʿAqīl und Sayyid Hasan bin Shahah.[14] Bei dieser Gelegenheit wurde Muhammad ibn ʿAqīl zum neuen Geschäftsführer (mudīr) ernannt. Das Unternehmen veröffentlichte 1908 eine Serie von al-Hadis Artikeln zum Thema Erziehung.[15]
Al-Hadi steuerte auch selbst einige Artikel und Übersetzungen aus dem Arabischen zu der Zeitschrift bei. Seinen Übersetzungen lagen Artikel aus den ägyptischen Zeitschriften al-Liwā' , al-ʿĀlam al-islāmī und al-Mu'aiyad zugrunde.[16] Auch al-Hadis Adoptivvater Raja Ali Kelana unterstützte die Zeitschrift[17] und steuerte auch selbst Artikel zu ihr bei.[18]
Verbreitung und Wirkung
Die Zeitschrift verfügte über ein breites Vertriebsnetz, das durch Agenten an verschiedenen Orten auf der malaiischen Halbinsel wie Ipoh, Terengganu, Penang, Kuala Lumpur, Kelantan, Johor und Malakka, sowie in verschiedenen Teilen Niederländisch-Indiens unterstützt wurde, darunter Aceh, Batavia, Riau, Palembang, Padang und Makassar, mit einem Vertreter sogar in Bangkok.[1] Die Auflage lag anfangs bei 2.000 Exemplaren, stieg später jedoch auf 5.000 Exemplare.[2] Damit war sie im Vergleich zu anderen malaiischen Zeitschriften dieser Zeit ziemlich hoch.[1]
Einen besonders hohen Stellenwert hatte die Zeitschrift am Hof des Sultanats von Riau-Lingga auf Pulau Penyengat, wo es nicht nur von den Prinzen, sondern auch vom Sultan selbst gelesen wurde. Das große Interesse der Prinzen von Penyengat an al-Imām rührte auch daher, dass einige von ihnen, insbesondere Raja Hitam und Raja Ali, aktive Mitwirkende waren und die Herausgeber ihnen persönlich bekannt waren.[19] Die niederländische Kolonialregierung verhängte allerdings eine strenge Zensur für Veröffentlichungen wie al-Imām, die außerhalb Niederländisch-Indiens veröffentlicht wurden, wobei al-Imām davon besonders betroffen war, weil die Zeitschrift als antichristlich galt.[20]
Im Dezember 1908 musste die Zeitschrift al-Imām nach 31 Ausgaben allerdings ihr Erscheinen wieder einstellen. Grund war der Niedergang des Sultanats von Riau-Lingga.[3] Haji Abbas bin Muhammad Taha, der letzte Herausgeber von al-Imām zum Qādī des Bezirks Tanjung Pagar von Singapur ernannt, wo er weiterhin für die reformistische Sache aktiv blieb und 1911 die Wochenzeitung Neraca („Die Waage“) gründete und herausgab, und ab 1913 die dazugehörigen Monatszeitschrift Tunas Melayu („The Malay Seeds“).[21] Der Geist von al-Imām wurde auch in anderen Zeitschriften fortgeführt, wie zum Beispiel in al-Munīr („Der Erleuchter“), die von 1911 bis 1916 in Padang unter der Leitung von Haji ʿAbdullāh Ahmad erschien, der schon als Agent für al-Imām in West-Sumatra aktiv gewesen war.[1]
Literatur
- Barbara W. Andaya: From Rūm to Tokyo: The Search for Anti-Colonial Allies by the Rulers of Riau, 1899–1904. In: Indonesia. 24, 1977, S. 123–156. Hier S. 139–143 (ecommons.cornell.edu Digitalisat).
- Azyumardi Azra: The Transmission of al-Manārs Reformism to the Malay-Indonesian World. The Case of al-Imām and al-Munīr. In: Stéphane A. Dudoignon, Komatsu Hisao, Kosugi Yasushi (Hrsg.): Intellectuals in the Modern Islamic World. Transmission, Transformation, Communication. Abingdon, Routledge, 2007, S. 143–158.
- Abu Bakar Hamzah: Al-Imam: its role in Malay Society, 1906–1908. University of Kent at Canterbury 1981.
- Michael Francis Laffan: Islamic Nationhood and Colonial Indonesia. The umma below the winds. Routledge, London / New York, 2003, S. 148–162.
- Michael Laffan: Understanding Al-Imam's Critique of Tariqa Sufism. In: Azyumardi Azra, Kees van Dijk, Nico Kaptein (Hrsg.): Varieties of Religious Authority: Changes and Challenges in 20th Century Indonesian Islam. ISEAS–Yusof Ishak Institute, Singapur 2010. S. 17–53.
- Michael Laffan: The Makings of Indonesian Islam: Orientalism and the Narration of a Sufi Past. Princeton: Princeton University Press, 2011. S. 183–189.
- William R. Roff: The Origins of Malay Nationalism. Yale University Press, New Haven und London, 1967. S. 56–67.
- Linda Tan: Syed Shaykh: His Life and Times. In: Alijah Gordon (Hrsg.): The real cry of Syed Sheikh al-Hady, with selections of his writings by his son Syed Alwi al-Hady. Malaysian Sociological Research Institute, Kuala Lumpur, 1999. S. 109–162.
- Abdul Aziz Mat Ton: Politik al-Imam. Dewan Bahasa dan Pustaka, Kuala Lumpur 2000.
- Abdul Aziz Mat Ton (Hrsg.): Pengislahan masyarakat Melayu. Perbincangan al-Imam (1906–1908). Dewan Bahasa dan Pustaka, Kuala Lumpur 2006.
Weblinks
- Syed Sheikh al-Hadi Collection auf der Website der National University of Singapore mit Links zu den Digitalisaten der Zeitschrift (Login notwendig)
- Liste der Artikel der Zeitschrift im Malay Concordance Project.
Belege
- Nico Kaptein: al-Imām. In: Kate Fleet, Gudrun Krämer, Denis Matringe, John Nawas, Devin J. Stewart (Hrsg.): Encyclopaedia of Islam Auflage 3, 2017 doi:10.1163/1573-3912_ei3_COM_32427.
- Mat Ton: Pengislahan masyarakat Melayu. Perbincangan al-Imam (1906–1908). 2006, S. VII.
- Mohammad Redzuan Othman: Idea Kemajuan dalam Pemikiran dan Perjuangan Sayyid Shaykh al-Hadi. In: M. R. Othman u. a. (Hrsg.): Sejarah pembinaan negara bangsa. Penerbit Universiti Malaya, Kuala Lumpur 2006. S. 125–144. Hier S. 128.
- Roff: The Origins of Malay Nationalism. 1967, S. 59.
- Azra: The Transmission of al-Manārs Reformism to the Malay-Indonesian World. 2007, S. 145.
- Roff: The Origins of Malay Nationalism. 1967, S. 57.
- Azra: The Transmission of al-Manārs Reformism to the Malay-Indonesian World. 2007, S. 150.
- Andaya: From Rūm to Tokyo: The Search for Anti-Colonial Allies by the Rulers of Riau, 1899–1904. 1977, S. 140–141.
- Azra: The Transmission of al-Manārs Reformism to the Malay-Indonesian World. 2007, S. 151.
- Andaya: From Rūm to Tokyo: The Search for Anti-Colonial Allies by the Rulers of Riau, 1899–1904. 1977, S. 141–143.
- Azra: The Transmission of al-Manārs Reformism to the Malay-Indonesian World. 2007, S. 147.
- Azra: The Transmission of al-Manārs Reformism to the Malay-Indonesian World. 2007, S. 149.
- Roff: The Origins of Malay Nationalism. 1967, S. 64.
- Roff: The Origins of Malay Nationalism. 1994, S. 63.
- Roff: The Origins of Malay Nationalism. 1994, S. 58.
- Laffan: Islamic Nationhood and Colonial Indonesia. 2003, S. 150.
- Tan: Syed Shaykh: His Life and Times. 1999, S. 122.
- Alijah Gordon: Riau: The Milieu of Syed Shaykh’s Formative Years & the Aspirations of the Subjugated Umma in Alijah Gordon (Hrsg.): The real cry of Syed Sheikh al-Hady, with selections of his writings by his son Syed Alwi al-Hady. Malaysian Sociological Research Institute, Kuala Lumpur, 1999. S. 1–68. Hier S. 11.
- Andaya: From Rūm to Tokyo: The Search for Anti-Colonial Allies by the Rulers of Riau, 1899–1904. 1977, S. 139–140.
- Ahmat Adam: The Vernacular Press and the Emergence of Indonesian Counsciousness (1855–1913). Cornell University Press, Ithaca, NY 1995. S. 140.
- Azra: The Transmission of al-Manārs Reformism to the Malay-Indonesian World. 2007, S. 148.