Chorasan (islamistische Gruppierung)
Chorasan (oder Khorasan, arabisch جماعة خراسان, DMG ǧamāʿat Ḫurāsān) bezeichnet eine islamistische Gruppierung, die der al-Qaida nahesteht und die nach Syrien migrierte. Sie ist ein Ableger der al-Nusra-Front.[1] Die Mitglieder kommen aus verschiedenen Ländern und haben angeblich mit jemenitischen Bombenbauern zusammengearbeitet, insbesondere mit Ibrahim Hassan al-Asiri alias al-Chorasani,[2] der einer al-Qaida-Filiale im Nahen Osten angehört und Anschläge auf Zivilflugzeuge auf dem Weg in die Vereinigten Staaten geplant haben soll.[3][2]
Bei einem Treffen von Spitzenbeamten der Nachrichten- und Geheimdienstbranche am 18. September 2014 in Washington, D.C. erklärte der Director of National Intelligence James R. Clapper, die Chorasan-Gruppe „kann im Hinblick auf die Bedrohung unseres Landes eine ebenso große Gefahr darstellen wie der Islamische Staat“.[4] Die Organisation wurde vermutlich vom al-Qaida-Mitglied Muhsin al-Fadhli angeführt, der für al-Qaida ziemlich wichtig war, da er von den Anschlägen des 11. September 2001 bereits vorher Bescheid wusste.[5] Die Mitglieder emigrierten nach der US-Invasion in Afghanistan in den Iran.
Im Rahmen der Ausweitung der Luftoffensive der internationalen Allianz gegen den Islamischen Staat auch auf Syrien, wurde die „Khorasan-Gruppe“ von der US Navy ins Visier genommen. Wie das US-amerikanische Department of Defense (DoD) und das CENTCOM mitteilten, wurden in der Nacht auf den 23. September 2014 acht Luftschläge gegen Ziele der Gruppe westlich von Aleppo durchgeführt. Dabei wurden den Angaben zufolge Trainingscamps, eine Produktionsstätte für Munition und Explosivstoffe, eine Kommunikationszentrale sowie Kommando- und Kontrolleinrichtungen durch Tomahawk-Marschflugkörper zerstört, die von den Schiffen Arleigh Burke (zu diesem Zeitpunkt im Roten Meer) und Philippine Sea (im Persischen Golf) abgefeuert worden waren. An diesen Luftschlägen waren ausschließlich US-amerikanische Einheiten beteiligt.[6][7]
Meldungen aus nachrichtendienstlichen Kreisen zufolge erwiesen sich diese Luftschläge aber keinesfalls als der der Gruppe zugedachte vernichtende Schlag, weil deren führende Mitglieder wohl aufgrund des internationalen Medieninteresses im Vorfeld der Bombardements entsprechend vorsichtig geworden waren und sich rechtzeitig zerstreut hatten. Als ein weiterer Grund wurde das Fehlen von Informanten und entsprechenden technologischen Aufklärungsmitteln im Bereich des Zielgebiets bzw. in Syrien selbst genannt.[8]
In einem Fernsehinterview mit Al Jazeera Ende Mai 2015 behauptete der Anführer der al-Nusra-Front Abu Mohammed al-Jawlani, dass eine solche Gruppe nicht existiere und eine Erfindung der Amerikaner sei. Die bombardierten Ziele seien Einrichtungen seiner Organisation gewesen.[9] Die Gruppe sei erfunden worden, um die Bombardierung der Hauptquartiere al-Nusras gegenüber der dortigen Bevölkerung begründen zu können.[10] Zudem sei so eine Legitimation für eine erneute Bombardierung gefunden worden, obwohl kein brauchbarer Anspruch auf Selbstverteidigung oder eine Genehmigung durch die UNO vorlegen habe.[11]
Am 8. Juli 2015 wurde nach Angaben des Pentagon Muhsin al-Fadhli, einer der führenden Köpfe der Chorasan getötet. Al-Fadhli sei in der Nähe von Sarmada im Norden Syriens durch einen Luftangriff getötet worden. Die US-geführte Koalition hatte ihn ins Visier genommen, als er in einem Fahrzeug nahe der Grenze zur Türkei unterwegs war. Er war einer der wenigen Vertrauten von Osama bin Laden, der schon vor den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in die Angriffspläne auf das World Trade Center eingeweiht war. Das US-Außenministerium hatte auf al-Fadhli ein Kopfgeld in Höhe von sieben Millionen Dollar ausgesetzt.[12]
Am 18. Oktober 2015 vermeldete das US-Militär, dass Sanafi al-Nasr bei einem Luftschlag in Syrien getötet wurde.[13]
Islamischer Staat Chorasan
Auch die Terror-Miliz ISIS hat eine Chorasan-Untergliederung (arabisch الدولة الإسلامية في العراق والشام – ولاية خراسان, ad-Dawlah al-Islāmiyah fī 'l-ʿIrāq wa-sh-Shām – Wilayah Khorasan), oder ISIS-K,[14] im deutschsprachigen Raum auch als ISPK[15] oder ISKP[16] bezeichnet.
Am 26. August 2021 reklamierte der regionale Ableger „IS Koharasan“ oder „IS-Provinz Khorasan“ ein Selbstmordattentat am Flughafen Kabul für sich.[17] Dabei starben mindestens 185 Menschen, darunter 13 US-Militärangehörige; mehr als 150 weitere wurden verletzt, darunter 18 US-Militärangehörige.[14][18][19] US-Präsident Joe Biden kündigte Vergeltung an.[20]
Das deutsche Bundesamt für Verfassungsschutz und die österreichische Direktion Staatsschutz und Nachrichtendienst erwähnen den ISPK/ISKP jeweils in ihren Verfassungsschutzberichten 2022. Vom ISPK geplante oder angeleitete Anschläge im Westen werden perspektivisch für möglich gehalten,[15] ebenso Messerangriffe durch Einzeltäter (lone wolf attacks).[16]
Im Februar 2023 erhob die deutsche Bundesanwaltschaft Anklage gegen einen russischen Staatsangehörigen und einen Mann mit deutscher sowie kosovarischer Staatsbürgerschaft wegen des Verdachts auf Unterstützung respektive Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung, Gewaltdarstellung, Vorbereitung respektive Beihilfe zur Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat, Verstoß gegen das Außenwirtschaftsgesetz. Beide standen in Kontakt mit dem ISPK, erhielten von diesem Anleitung beim Bau von Sprengsätzen, riefen zu Terroranschlägen in Deutschland auf bzw. bereiteten solche vor und übermittelten Geld an den ISPK in Afghanistan.[21]
Im März 2023 bestätigte der deutsche Bundesgerichtshof in der Revision eine Verurteilung von fünf Tadschiken zu mehrjährigen Freiheitsstrafen wegen Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung, Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat, Verstößen gegen das Waffen- und Außenwirtschaftsgesetz.[22] Die Männer waren zwischen 2011 und 2017 nach Deutschland eingereist, ihre Asylanträge wurden abgelehnt. Sie hatten sich dem ISPK angeschlossen, gemeinsam mit Weiteren eine Terrorzelle gebildet, sich Waffen verschafft und bereits Vorbereitungen für einen dschihadistischen Sprengstoffanschlag in Deutschland getroffen.[23]
Im Juli 2023 ließ die deutsche Bundesanwaltschaft sieben mutmaßliche Mitglieder einer islamistischen terroristischen Vereinigung festnehmen. Die kirgisischen, tadschikischen und turkmenischen Staatsbürger waren kurz nach dem russischen Überfall auf die Ukraine von der Ukraine nach Deutschland eingereist und stehen unter dem Verdacht der Bildung und Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung im Inland. Sie standen in Kontakt zum ISPK. Es wurden mögliche Anschlagsziele in Deutschland ausgekundschaftet, versucht Waffen zu beschaffen und Geld an den ISPK übermittelt.[24]
Im Dezember 2023 wurden Anschlagspläne auf den Kölner Dom und den Wiener Stephansdom mit dem ISPK in Verbindung gebracht.[25] Am Heiligabend durchsuchte die Polizei in Wesel eine Wohnung und nahm fünf Personen vorläufig fest. Vier von ihnen wurden am Folgetag wieder auf freien Fuß gesetzt; gegen einen 30-jährigen Tadschiken wurde zur Gefahrenabwehr Langzeitgewahrsam bis zum 7. Januar 2024 verhängt. Der den nordrhein-westfälischen Sicherheitsbehörden nach deren Angaben bis dahin nicht bekannte Mann wird verdächtigt, den Kölner Dom ausgespäht zu haben.[26] Der Dom blieb zunächst für touristische Besuche geschlossen, nur liturgische Aktivitäten wurden fortgesetzt.[27] Am 31. Dezember wurden bei Zugriffen in Duisburg, Herne und Nörvenich drei weitere Verdächtige festgenommen.[28]
Name
Der Name Khorasan oder Chorasan stammt von der Bezeichnung für die historische Region in Zentralasien im Gebiet der heutigen Staaten Afghanistan, Iran, Tadschikistan, Usbekistan und Turkmenistan.[29] Die Bezeichnung für die Gruppe wurde wahrscheinlich durch Geheimdienste gewählt. Hadithe, die von Abū Nuʿaim und Ahwal von Safarini aus dem Chorasan stammen,[30] überliefern, dass Mohammed sagte, die Ankunft des Mahdi werde durch das Schwarze Banner, die Flagge des Dschihad, signalisiert.
Einzelnachweise
- Amerikaner melden Tötung von Extremisten-Anführer. In: FAZ. Abgerufen am 22. Juli 2015.
- James Phillips, Josh Siegel: Q&A: Meet Khorasan, the Terrorist Group That Might Be Scarier Than ISIS. In: The Daily Signal. Heritage Foundation, abgerufen am 24. September 2014.
- Syria’s hard cell: Rise of Khorasan group alarms U.S. In: chieftain.com. 14. September 2014, archiviert vom am 18. September 2014; abgerufen am 29. November 2023 (englisch).
- U.S. Suspects More Direct Threats Beyond ISIS. NYT, 21. September 2014, abgerufen am 23. September 2014.
- rewardsforjustice.net: Belohnungen für mehr Gerechtigkeit – Gesucht: Muhsin al-Fadhli (Memento vom 4. Oktober 2015 im Internet Archive)
- U.S. Military, Partner Nations Conduct Airstrikes in Syria. U.S. Department of Defense, 23. September 2014, abgerufen am 28. Dezember 2023 (englisch).
- Department of Defense Press Briefing on Operations in Syria by Lt. Gen. Mayville in the Pentagon Briefing Room. Transkript. U.S. Department of Defense, 23. September 2014, abgerufen am 28. Dezember 2023 (englisch).
- Syria Airstrikes Failed To Cripple Khorasan Threat. (Memento vom 10. Oktober 2014 im Internet Archive) The Huffington Post, 9. Oktober 2014.
- Abu Mohammed al-Golani’s Aljazeera Interview, englischsprachige Zusammenfassung von Aron Lund, Syria Comment, 29. Mai 2015
- Murtaza Hussain: Al Qaeda Syria Boss Says That His “So-Called Khorasan Group Doesn’t Exist”, The Intercept, 28. Mai 2015.
- Glenn Greenwald: The Fake Terror Threat Used To Justify Bombing Syria, The Intercept, 28. September 2014.
- Anführer der Khorasan-Gruppe: USA töten hochrangigen Al-Kaida-Chef. In: Tagesschau. 22. Juli 2015, archiviert vom am 1. August 2015; abgerufen am 28. Dezember 2023.
- Statement on Airstrike in Syria that Killed Sanafi al-Nasr
- Country Reports on Terrorism 2022. Außenministerium der Vereinigten Staaten, abgerufen am 25. Dezember 2023 (englisch).
- Verfassungsschutzbericht 2022. (PDF; 6,36 MB) Bundesamt für Verfassungsschutz, abgerufen am 25. Dezember 2023.
- Verfassungsschutzbericht 2022. (PDF; 2,26 MB) Direktion Staatsschutz und Nachrichtendienst, abgerufen am 27. Dezember 2023.
- tagesschau.de
- FAZ.net: Erzwungene Allianz mit den Islamisten
- nytimes.com: As U.S. Troops Searched Afghans, a Bomber in the Crowd Moved In
- spiegel.de: US-Militär greift IS-Ableger an
- Anklage gegen ein mutmaßliches Mitglied sowie einen mutmaßlichen Unterstützer der ausländischen terroristischen Vereinigung „Islamischer Staat (IS)“ erhoben. Pressemitteilung der Bundesanwaltschaft. Der Generalbundesanwalt beim Bundesgerichtshof, 16. März 2023, abgerufen am 27. Dezember 2023.
- Verurteilung von fünf Angeklagten wegen Mitgliedschaft im IS rechtskräftig. Pressemitteilung des Bundesgerichtshofs. Bundesgerichtshof, 13. Juni 2023, abgerufen am 28. Dezember 2023.
- OLG Düsseldorf, Urteil vom 31.05.2022 - 6 StS 1/21. In: Openjur. Abgerufen am 28. Dezember 2023.
- Festnahme von sieben mutmaßlichen Mitgliedern einer islamistischen terroristischen Vereinigung. Pressemitteilung der Bundesanwaltschaft. Der Generalbundesanwalt beim Bundesgerichtshof, 6. Juli 2023, abgerufen am 27. Dezember 2023.
- Christian Parth: Terrorgefahr an Heiligabend. In: Die Zeit. 25. Dezember 2023, abgerufen am 27. Dezember 2023.
- Terroralarm: Verdächtiger soll Kölner Dom ausgespäht haben. In: rnd.de. 28. Dezember 2023, abgerufen am 29. Dezember 2023.
- Terrorismus: Festnahmen in Wesel nach Terrorwarnung am Kölner Dom. In: zeit.de. 26. Dezember 2023, abgerufen am 29. Dezember 2023.
- Juri Auel: Silvester: Weitere Ingewahrsamnahmen in Verbindung mit Kölner Terroralarm. In: sueddeutsche.de. 31. Dezember 2023, abgerufen am 1. Januar 2024.
- What Is the “Khorasan Group” and Why Is the U.S. Bombing It in Syria? In: Carnegie Endowment for International Peace. 23. September 2014, abgerufen am 23. September 2014.
- David Cook: Studies in Muslim Apocalyptic. Gerlach Press, 2021, ISBN 978-3-95994-120-4, S. 125, 153, 206, doi:10.2307/j.ctv1b9f5v8 (Es ist zu beachten, dass diese besondere Tradition nicht eindeutig ist und dass nicht klar ist, ob der Mahdi selbst die schwarze Fahne wählen würde. Andere Traditionen sind weniger umsichtig (siehe unten).).
