Eiskapelle im Griesbachgraben
Die Eiskapelle beim Hintersee im Flachgau ist ein Naturdenkmal am Fuße des Wieserhörndls in der Gemeinde Hintersee.

Beschreibung
Der durch Abschmelzung unterhöhlte Lawinenkegel, im Volksmund Eiskeller oder Eiskapelle im Grießbachgraben (Gemeinde Hintersee) genannt, liegt in einem Kessel im Nordostabfall des Wieserhörndls. Die Steilheit der Wände lässt die Lawinen über Runsen (Rinnen) in den Kesselboden stürzen. Durch die Fallgeschwindigkeit und davon ausgelösten hohen Druck beim Aufprall wird der Schnee zusammengepresst. Ein talauswärts liegender Moränen- und Schuttkegel verhindert den Weitertransport des Lawinenschnees. Schattige Lage und lokalklimatisch bedingt große Niederschlagsmengen unterstützen die alljährliche Erneuerung und damit den Fortbestand der Eiskapelle.[1] Diese besondere Situation kommt im Alpenraum häufiger vor. Bekannt sind ähnliche Situationen am Fuße des Watzmanns (Eiskapelle am Königsee) und beim Birnbachloch[2] in der Gemeinde Leogang. Gemeinsam ist diesen Sondersituationen eine besondere topographische Situation, die das Überdauern der Schneeablagerungen über den Sommer ermöglicht. Damit handelt es sich um Minigletscher oder auch Babygletscher, der im Falle des Griesbachgrabens auf einer Seehöhe von nur 820 Meter liegt.[3]
Möglich macht dies der extrem enge Graben des Grießbaches am Fuße vom Wieserhörndl (1567 m ü. A.) und Anzerberg (1469 m ü. A.), der die Sonneneinstrahlung auf ein Minimum reduziert. Während der Wintermonate stürzen von den steil abfallenden Hängen des Wieserhörndls regelmäßig Lawinen in den Talboden, wo sich der Schnee durch die hohe Fallgeschwindigkeit (Höhenunterschied immerhin ca. 750 m) zu einer Art Babygletscher verdichten kann. Im Zuge der Schneeschmelze wird das Tal abwärts gelegene Ende des Firnkegels immer mehr unterhöhlt was einen kapellenartigen Raum entstehen lässt. Daher der Name Eiskapelle.
Das Betreten des Lawinenkegels ist verboten, da durch herabstürzende Eismassen Lebensgefahr besteht. So verunglückte der dreimalige Eiskletter-Weltmeister Harald Berger am 20. Dezember 2006 beim Training tödlich.[4] Zur Eiskapelle führt entlang des Griesbaches ein sehr beschaulicher Wanderweg. Sie wurde 1974 zum Naturdenkmal erklärt.[5]
Aktuelle Situation
Im Juni 2023 befanden sich keine Schnee-, Firn- und Eisreste im Griesbachgraben. Die Eiskapelle, der merkwürdigste Gletscher Österreichs[6], ist wohl Opfer des Klimawandels geworden. Der Salzburger Schriftsteller Wolfgang Kauer widmete der Eiskapelle eine Liebesgeschichte aus der Eiszeit.[7] In dieser Geschichte werden im ersten Teil zwei schaurige Ereignisse geschildert, die bei der Eiskapelle stattgefunden haben. Anschließend wandert im zweiten Teil der Geschichte ein Ich-Erzähler zur Eiskapelle. Dort taucht er in eine andere Zeitachse ein und begegnet einer Frau, die in der Schilderung als eiszeitliches Wesen zu erkennen ist, und mit der er eine ungewöhnliche Liebesgeschichte erlebt. Am Ende wird klar, dass der Wanderer nach einem Unglück an der Eiskapelle aus der Bewusstlosigkeit in Anwesenheit einer Sanitäterin erwacht, deren Berührungen offensichtlich zu Phantasien zärtlicher Umarmungen führten.[8]
Literatur
- Wolfgang Kauer: Die Eiskapelle. Erzählung der beiden tragischen Unfälle in der Eiskapelle nahe dem Hintersee. – In: Kauer, Wolfgang: Geheimnisvoll gewinnbringend. Satiren. 2. Auflage. Arovell-Verlag, Gosau, Salzburg, Wien 2012, ISBN 978-3-902808-13-4. S. 131–158
- Heinz Slupetzky: Die “Eiskapelle” im Griesbachgraben. Salzburg 1998, Salzburger Geographische Materialien, H. 28
- Heinz Slupetzky: Tod in der Eiskapelle. Analyse eines tödlichen Eiskletterunfalls. – In: bergundsteigen, 1/07, S. 30–33
Weblinks
Einzelnachweise
- vgl. Beschreibung im Salzburger Naturschutzbuch
- Salzburgwiki Birnbachloch
- Salzburgwiki Eiskapelle im Griesbachgraben
- Slupetzky 2007
- Salzburgwiki, abgefragt am 14. Februar 2024.
- Kauer 2012, S. 5
- Kauer 2012
- Kauer 2012, S. 158