Les Prés d’Orvin

Die Gegend mit der Bezeichnung Les Prés d’Orvin ist eine Berglandschaft im Schweizer Juragebirge und ein Naturschutzgebiet im Kanton Bern. Sie liegt grösstenteils auf dem Gebiet der Gemeinde Orvin und mit einem kleineren Teil in der Nachbargemeinde Nods, die beide zum Verwaltungskreis Berner Jura gehören. Das Gebiet ist von halboffenen Bergwiesen mit einer artenreichen Vegetation geprägt, die seit 2010 durch das Bundesinventar der Trockenwiesen und -weiden von nationaler Bedeutung (TWW) geschützt und zudem in der Weltdatenbank der Schutzgebiete (WDPA) als Biotop- und Artenschutzgebiet der IUCN-Kategorie IV ausgewiesen sind.

Les Prés d’Orvin
Trockenwiese und -weide von nationaler Bedeutung

IUCN-Kategorie IV – Habitat/Species Management Area

Trockenmauer auf den Bergwiesen bei Orvin

Trockenmauer auf den Bergwiesen bei Orvin

Lage Bern, Schweiz
Fläche 136 ha
WDPA-ID 399627
Geographische Lage 47° 9′ N, 7° 9′ O
Les Prés d’Orvin (Kanton Bern)
Les Prés d’Orvin (Kanton Bern)
Einrichtungsdatum 2010
Rechtsgrundlage Verordnung über den Schutz der Trockenwiesen und -weiden von nationaler Bedeutung
Besonderheiten «Les Prés d’Orvin» (Swisstopo)

Der überlieferte französische Name Les Prés d’Orvin bedeutet auf Deutsch Wiesen von Orvin (frz. pré stammt von lateinisch pratum ab). Er bezeichnet das durch Rodung im ursprünglichen Bergwald oberhalb des Dorfes Orvin gewonnene Weideland am Südhang einer markanten Bergkette des Faltenjura. Die Erhebung erreicht sieben Kilometer weiter südwestlich mit dem Gipfel des Chasseral (1607 m ü. M.) ihren höchsten Punkt und endet sechs Kilometer östlich der Prés d’Orvin in der Klus von Frinvillier auf 520 m ü. M. Der Gebirgsraum liegt im Landschaftsschutzgebiet des Naturparks Parc régional Chasseral.[1]

Weit oben an der Bergstrasse vom Dorf Orvin zum Weideland hinauf entstand im 20. Jahrhundert eine Streusiedlung, die vorwiegend Ferienhäuser umfasst und den Siedlungsnamen Les Prés-d’Orvin erhielt, der jedoch zur Unterscheidung vom Flurnamen Les Prés d’Orvin mit einem Bindestrich geschrieben wird. Die zerstreuten Bereiche des Schutzgebiets erstrecken sich über die noch nicht von der unkontrollierten Siedlungsentwicklung erfassten und auch kaum durch intensive Landwirtschaft beeinträchtigten Flächen neben dem Feriendorf.

Landschaft

Geologie und Hydrologie

Die Chasseral-Antiklinale ist eine deutlich ausgeprägte, hohe Falte des Juragebirges. Mesozoische Sedimente des Oberjura wurden im Erdzeitalter des jüngeren Tertiär während der Bildung der Alpen als mächtige Schichtpakete aus Malmkalk, Hauptrogenstein und Muschelkalk verschoben und aufgefaltet. Am Südhang des Chasseral entstand gleichzeitig der kurze Höhenzug des Spitzbergs (französisch Mont Sujet) als eine etwas weniger hohe Nebenfalte. Dazwischen liegt das Tal Prés Vaillons, eine kleine Synklinale mit der Alpsiedlung Métairie de Prêles (deutsch Sennerei von Prägelz) und dem Feriendorf Prés-d’Orvin.[2]

Felsiger Boden in einem ausgelichteten Waldgebiet der Prés d’Orvin

Der Felsboden im Gebiet der Prés d’Orvin besteht aus jungen Kalkschichten der so genannten Günsberg-Formation und der Twannbach-Formation aus der Stufe des Kimmeridgiums, die vor ca. 157 bis 152 Millionen Jahren entstanden. Die auf ältere Gesteine aufgeschobenen Kalklagen steigen vom Bielersee gegen Nordwesten bis auf die Krete der Chasseralkette ziemlich gleichmässig an und bilden im oberen Abschnitt eine nicht besonders steile Oberfläche, die auf einer ungleichmässigen, stellenweise nur dünnen Lage von Oberboden teils von Bergwald und dank der jahrhundertelangen Weidewirtschaft teils von offenem Magerrasen bedeckt ist.[3] Da und dort ragen kleine Felsschuppen, die manchmal Rillenkarren aufweisen, und Ansammlungen von Geröll aus der Grasnarbe heraus.[4]

Obwohl das Chasseralmassiv wegen seiner Höhe eine Zone mit relativ hohen Niederschlagsmengen ist,[5] entstehen auf dem Berg keine Oberflächengewässer. Denn die Karbonatgesteine sind sehr stark verkarstet, was etwa an den zahlreichen Einsturztrichtern (Dolinen) am Mont Sujet und in den Senken nördlich der Wasserscheide über den Bergweiden zu sehen ist. Die Niederschläge fliessen als Felsgrundwasser in alle Richtungen zu den tiefen Flusstälern hinunter. Das am Berghang oberhalb von Orvin versickerte Wasser erreicht unterirdisch in östlicher Richtung teils das fünfhundert Meter tiefer gelegene Tal der Orvine, die bei Frinvillier in die Schüss mündet, vor allem aber durch Klüfte und Schichtfigen im Gebirge direkt die offenen Kalkflanken der Schüssklus unterhalb von Rondchâtel mit der Merlinquelle bei Frinvillier und viel weiter unten möglicherweise sogar noch die Römerquelle in der Stadt Biel.[6] Das Grundwasser aus dem Scheitelbereich der Chasseralkette, also vielleicht auch aus dem obersten Abschnitt der Prés d’Orvin, fliesst dagegen durch das Kalkgestein gegen Norden und speist Karstquellen von Zuflüssen der Schüss im Sankt-Immer-Tal.[7] Aus der ergiebigen Merlinquelle bezog die Stadt Biel seit 1879 den grössten Teil des Trinkwassers; seit 2005 verzichten die Stadtwerke wegen der starken Verunreinigung des Wassers durch die Landwirtschaft und die Feriensiedlung auf Pré d’Orvin darauf.[8] Der westlichste Teil des Schutzgebiets Les Prés d’Orvin rund um die Alpsiedlung Métairie de Prêles gehört zum unterirdischen Einzugsgebiet des Twannbachs, der in den Bielersee mündet.[9][10]

Halboffene Weidelandschaft der Prés d’Orvin

Geografie

Das Weidegebiet Les Prés d’Orvin liegt auf etwa 1200 m ü. M. im mittleren, etwa 3,5 Kilometer breiten Abschnitt auf der Südseite der Chasseralkette, wo sich das sanft zum Bergkamm ansteigende Gelände gut zur Nutzung als Sömmerungsweide eignet. Die steilen Berghänge westlich und östlich davon konnten dagegen nicht als Grasland erschlossen werden und tragen noch immer geschlossene Waldflächen. Die Wiesen im Schutzgebiet verteilen sich über die Höhenstufe von 860 m ü. M. an der Zufahrtstrasse Route des Prés-d’Orvin bis 1340 m ü. M. auf einer Erhebung der Wasserscheide über dem Weidegebiet Plans Dessus (was auf deutsch «Oberer Boden» bedeutet). Im Osten schliesst die deutlich steilere, bewaldete Bergflanke La Gaudine an die offene Wiesenlandschaft an und erstreckt sich bis zur hoch aufragenden Felswand Les Roches oberhalb des Dorfes Orvin, das auf der Höhe von 700 m ü. M. und somit ungefähr fünfhundert Meter tiefer liegt als das Areal der Bergweiden.

Im Südwesten befinden sich auf dem Gemeindegebiet von Nods auf verhältnismässig schwach ansteigenden Zonen der Bergkette ebenfalls viele offene Weideflächen. Abseits der von den Sennereien Métairie de Prêles, Les Colisses und La Citerne intensiv genutzten Bergweiden von Nods ist weit oben am Bergkamm noch eine andere wertvolle Trockenwiese erhalten geblieben, die als Naturschutzgebiet La Citerne ebenfalls in der Liste der Trockenwiesen und -weiden von nationaler Bedeutung im Kanton Bern ausgewiesen ist.[11] Das isolierte Schutzgebiet ist einen Kilometer vom grösseren Gebiet Les Prés d’Orvin entfernt.

Zerfallene Trockenmauer und neuer Weidezaun auf Plans Dessus bei Orvin
Alte Steinmauer

Die schnurgerade Gemeindegrenze vom Tal Prés Vaillons zum Bergkamm hinauf ist über etwa einen Kilometer mit einer alten, teilweise zerfallenen trocken aufgeschichteten Mauer aus Blöcken des lokalen Kalksteins markiert. Solche Mauern dienten früher zur Abgrenzung der einzelnen Weidereviere, auf denen sich das Vieh zum Grasen frei bewegen konnte. Aus dem in Bänken geschichteten, verkarsteten Felsen kann man die Steinblöcke leicht herauslösen, die sich mit ihrer oft plattenartigen Form gut zum Aufschichten der hohen Mauern eignen. Wegen der andauernden wetterbedingten Korrosion des Gesteins, der Wirkung von Pflanzen und aus andern Ursachen verlieren die Steinmauern allmählich die Stabilität und zerfallen. Statt sie mühevoll wieder aufzubauen, bevorzugten die Landwirte seit dem Ende des 19. Jahrhunderts das Einzäunen der Weiden mit Stacheldraht und neuerdings mit elektrischen Weidezäunen; und so ging das Wissen um die Bautechnik der einst nützlichen Trockenmauern bei der lokalen Bevölkerung verloren. Erst in jüngster Zeit finden die Trockensteinmauern wieder eine Wertschätzung als Elemente der traditionellen Kulturlandschaft.[12] Sie sind mit den vielen Nischen und Ritzen auch für die Kleintierfauna und Vögel und als Substrat für Flechten und Moose nützlich. Seit 2018 sind die historischen Kulturtechniken des Trockenmauerwerks einiger europäischer Länder von der UNESCO in der Repräsentativen Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit verzeichnet.[13] Im Juragebirge werden da und dort durch neu geschulte Fachleute und mit der Förderung durch externe Geldgeber wie der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz einige für das Landschaftsbild prägende Trockenmauern wieder aufgebaut.[14]

Südlich von Les Prés d’Orvin liegt das TWW-Objekt Combe Gaumé auf dem 1382 m hohen Spitzberg (Mont Sujet).[15] Und auch die kleinen Flächen Les Lavettes an der Strasse von Orvin nach Les Prés-d’Orvin und Crêt sor Neuchâtel südlich von Orvin sind als wertvolle Trockenwiesen durch das Bundesinventar geschützt.[16][17]

Während die höher gelegenen Weidegebiete vorwiegend offenes Grasland aufweisen, ist die etwas tiefer gelegene Geländestufe teilweise von lockeren Baumgruppen und Gebüsch bedeckt, was diesem Teil der Landschaft den Charakter von Waldweiden gibt. Im 20. Jahrhundert hat der Baum- und Gebüschbestand wegen Änderungen in der Alp- und Forstwirtschaft stellenweise stark zugenommen.

Tourismus und Sport

Aussichtspunkt am Jura-Höhenweg über den Bergweiden von Orvin

Noch um 1900 standen auch in den Bergwiesen von Orvin nur wenige, der Viehwirtschaft dienende Gebäude, vor allem die von den Gemeinden betriebenen Métairies, wie man die Bergbauernhöfe im Französischen nennt. Im Zentrum des Weidegebiets liegt die Sennerei Métairie d’Evilard (deutsch Leubringenberg). Der flache Talboden zwischen dem Chasseral und dem Mont Sujet heisst Plan Dessous, was auf deutsch «Unterer Boden» bedeutet. Im 20. Jahrhundert entstanden auf dem für den Sommeraufenthalt beliebten, aussichtsreichen Berg Gasthäuser wie das Haus Bellevue und dann bald auch private Vereinsunterkünfte. Die Sektion Biel des Schweizer Alpen-Clubs baute 1917 oberhalb des Weidegebiets auf 1326 m ü. M. das Berghaus Cabane du Jura (deutsch «Jurahaus»), das höchstgelegene Gebäude von Orvin, von dessen Terrasse aus das Panorama mit den Berner Alpen gut zu sehen ist.[18] Und auch andere private Vereinigungen besitzen Clubhäuser im Berggebiet; so steht am Plan Dessous das Naturfreundehaus Les Prés-d’Orvin;[19] um 1934 baute die Sektion Biel-Ost des Schweizerischen Arbeiter-Turn- und Sportverbands (Satus) im Berggebiet ein Haus;[20] und auch der Ski Club Romand Bienne[21] und der Touristenclub Biel (TCB), der dem Schweizerischen Sportverband öffentlicher Verkehr (SVSE) angeschlossen ist, errichteten in den Prés d’Orvin eigene Häuser.[22] Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kamen in rascher Folge viele private Ferienhäuser und Zweitwohnungen im Bergwald und neue Erschliessungsstrassen durch die Wiesen und Wälder dazu.

Die Ferienstation ist mit Privatwagen und einer Buslinie der Verkehrsbetriebe Biel erreichbar. Das Jurahaus des SAC und auch die typischen Gastwirtschaften oder Hofläden der Sennereibetriebe liegen am dichten Netz der Bergwanderwege und halten im Sommer für Wanderer und im Winter für die Touristen im Wintersportgebiet Verpflegung bereit.[23] Vom Tal Prés Vaillons bis über das Weidegebiet werden im Winter Langlaufloipen präpariert. Über die Krete am Nordrand der Weiden von Orvin verläuft ein Abschnitt des Jura-Höhenwegs. Das Berggebiet des Chasseral ist mit seinen vielen Fahrstrassen und Trails beliebt für Mountainbike-Touren.[24]

Vegetation

Auf den grossflächigen, extensiv genutzten Gebieten am Berghang kommen gut erhaltene artenreiche Bergwiesen vor. Die Zonen mit einer wertvollen Bergflora sind im Schutzgebiet zusammengefasst und bilden mit den übrigen, intensiv bewirtschafteten, botanisch eintönigen Weiden ein vielfältiges Vegetationsmosaik. Gemäss der Bestandesaufnahme der Flora durch den Kanton Bern und dem Bundesinventar der Trockenwiesen und -weiden von nationaler Bedeutung gelten etwa 38 Prozent auf den geschützten Flächen als echter Halbtrockenrasen (Verband Mesobromion), der jedoch teilweise Anzeichen von Übderdüngung aufweist. 22 Prozent der Flächen zählen zu den trockenen Fettweiden, in denen eine reiche Flora gedeiht, und die restlichen Gebiete sind Sonderformen von Trockenrasen.

Türkenbundlilie

Die aussergewöhnliche alpine Bergflora des Chasseralmassivs ist seit Albrecht von Haller (1708–1777) bekannt.[25] Vom Frühling bis zum Herbst tragen die Magerrasen neben zahlreichen, an die Standorte angepassten Gräsern eine Vielzahl von Blütenpflanzen, die wiederum für die reiche Insektenfauna wertvoll ist. Das Bundesinventar der Trockenwiesen und -weiden von nationaler Bedeutung begründet die Schutzwürdigkeit des Gebiets der Prés d’Orvin unter anderem mit vielen dort festgestellten seltenen Pflanzen. Dazu gehören Orchideen wie die Grüne Hohlzunge (Coeloglossum viride), das Gefleckte Knabenkraut (Dactylorhiza maculata s.l.), die Mücken-Händelwurz (Gymnadenia conopsea), das Männliche Knabenkraut (Orchis mascula), das Kleine Knabenkraut (Orchis morio), das Brand-Knabenkraut (Orchis ustulata) und die Rosa Kugelorchis (Traunsteinera globosa). Dazu blühen auf den Wiesen zum Beispiel auch der Weichhaarige Pippau (Crepis mollis), die Gewöhnliche Hundszunge (Cynoglossum officinale), der Deutsche Ginster (Genista germanica), die Türkenbundlilie (Lilium martagon), die Gelbe Narzisse (Narcissus pseudonarcissus, Osterglocke), die Waldhyazinthe (Platanthera sp.) und der Berg-Hahnenfuss (Ranunculus montanus). Im Herbst erscheinen die Arten des Augentrosts.[26]

Auf den Waldweiden gibt es zahlreiche für die Flora und die Fauna nützliche Strukturelemente wie kleine temporäre Feuchtgebiete, vegetationslose Stellen mit Fels-, Kies- und Sandflächen, trocken gefügte Weidemauern, Steinlesehaufen, Gebüsche, Hecken, Flächen mit Zwergsträuchern und Baumgruppen. Locker verteilt stehen alte Buchen, Eichen und Fichten im Weidegebiet. Weil auf wenig ertragreichen Flächen die Beweidung aufgegeben wurde, breitete sich der Wald zum Schaden der Wiesenbiotope aus. Umgekehrt eliminierten die Bewirtschafter auf günstigeren Flächen viele Bäume, um die Weidefläche zu optimieren, und zerstörten dadurch kleine Biotope für Insekten und Vögel. Beide Entwicklungen, die auf vielen Trockenwiesen festzustellen sind, beeinträchtigten die Artenvielfalt. In den Naturschutzgebieten werden neuerdings vom Parc régional Chasseral und andern Instanzen einerseits wuchernde Gehölze zurückgeschnitten und andererseits gezielt einzelne Bäume angepflanzt. Besonders wertvolle «Habitatbäume» stehen besonders unter Schutz.[27]

In der Nähe des TWW-Gebiets Les Prés d’Orvin und des Gasthauses Bellevue ist ein als Epicéa vergé des Prés d’Orvin oder Schlangenfichte der Prés d’Orvin bekannter Baum wegen seiner Seltenheit durch einen Beschluss des Regierungsrats des Kantons Bern vom 19. September 1944 als Naturdenkmal geschützt.[28] Es handelt sich um eine im Jura sehr seltene Varietät der Fichtenart Picea excelsa.[29][30]

Im zwei Abschnitten des Schutzgebiets lässt der Zementkonzern Vigier Ciment, der seinen Sitz in der Nachbargemeinde Péry-La Heutte hat, als ökologische Ausgleichsmassnahme für den Betrieb des neuen Kalksteinbruchs La Tscharner in Absprache mit den regionalen Behörden verschiedene Pflegearbeiten durchführen. Das Unternehmen setzte dazu eine Kommission für Ökologie (Sous-Commission Écologie SCE) ein, die neben andern Massnahmen im Weidegebiet Pré Carrel nahe der Wasserscheide und in der Zone Les Voigières vertraglich die Erhaltung der extensiv genutzten Trockenweiden unterstützt. Die Kommission liess um 2000 im TWW-Naturreservat Les Lavettes die vom Wald überwucherte Fläche ausholzen und sorgt seither für die Pflege der regenerierten Wiese.[31]

Blütezeit der Narzissen

Blüte der Narzissen

Unter den vielen Blumenpflanzen auf den Weiden von Orvin ist die wild wachsende Gelbe Narzisse oder Osterglocke (französisch jonquille) bei weitem die bekannteste. Im Frühling blüht diese Art an den offenen Südhängen des Chasseral in einer riesigen Anzahl. Zu Hunderttausenden erscheinen sie nach und nach auf den Magerwiesen und blühen, begleitet von ebenfalls zahlreichen Krokussen, bevor die Gräser eine zu grosse Höhe erreichen.[32] Auch auf den halboffenen Weideflächen auf dem Spitzberg und auf einigen Anhöhen nördlich des Sankt-Immer-Tals und im Neuenburger Jura kommen unzählige wilde Narzissen vor.[33] Auf den regelmässig gedüngten fetten Wiesen wie im Tal Prés Vaillons und an anderen Stellen sind sie hingegen weitgehend verschwunden.

Die seit langem am Chasseral heimische Blütenpflanze konnte sich mit der Zeit über weite Flächen ausbreiten. An Stellen mit besonders günstigen, nicht beeinträchtigten Bodenstrukturen wächst sie dicht gedrängt, und selbst in humösen Ritzen verkarsteter Felsoberflächen kann sie gedeihen.

Das saisonale Blütenmeer zählt zu den herausragenden Natursehenswürdigkeiten des Berner Jura und zieht im Frühling jeweils viele Pflanzenliebhaber an (so wie auch in den Alpen die Felder voller Weisser Osterglocken bei Seewis im Prättigau[34] oder auf Les Avants bei Montreux am Genfersee).[35] Nachdem die Narzissen früher oft abgeerntet und gar ausgegraben wurden, ist die Art seit 1978 staatlich geschützt. Die regionalen Tourismusorganisationen informieren während der Hochzeit der Narzissenblüte über den Stand der Flora und auch über die nötigen Massnahmen zur Besucherlenkung.[36] Vom Naturpark Chasseral eingesetzte Ranger unterrichten die zahlreichen Besucher der Bergweiden über das angemessene Verhalten im Naturschutzgebiet. Das Pflücken kleiner Mengen von Osterglocken für den Privatgebrauch ist erlaubt.[37] Von den Flurstrassen und Wanderwegen aus sind die ausgedehnten Blumenfelder gut zu überblicken.

Fauna

Die halboffenen Bergwiesen mit den vielen Bäumen und Gehölzen und trockenen Flächen bieten einer reichen Insektenfauna zahlreiche Lebensräume, wo besonders Schmetterlinge, aber auch Heuschrecken, Käfer, Ameisen und andere Tiere vorkommen.

Der Naturpark Chasseral untersuchte gezielt den Bestand der gefährdeten Heidelerche auf den Weiden von Orvin und auf dem Spitzberg. Die an offene Trockenwiesen angepasste Vogelart erholt sich dem Beginn des 21. Jahrhunderts wieder. Die Region des Chasseral gilt als ein Hauptbrutgebiet dieser Art in der Schweiz.[38]

Schutzziel

Gemäss den Bestimmungen des Bundesgesetzes vom 1. Juli 1966 über den Natur- und Heimatschutz und der Verordnung über das Bundesinventar der Trockenwiesen und -weiden von nationaler Bedeutung gelten auch für das TWW-Gebiet Les Prés d’Orvin folgende Schutzziele:

  • Die spezifische Pflanzen- und Tierwelt, ihre ökologischen Grundlagen und die für die Trockenwiesen typische Eigenart, Struktur und Dynamik in den inventarisierten Gebieten sind zu erhalten und zu fördern.
  • Eine nachhaltig betriebene Land- und Forstwirtschaft ist dazu erforderlich.
  • Es dürfen nur Bauten und Anlagen errichtet und Bodenveränderungen durchgeführt werden, die dem Schutz der Pflanzen- und Tierwelt nicht widersprechen.
  • Neue und bestehende Nutzungen wie etwa durch die Land- und die Waldwirtschaft und den Tourismus müssen mit dem Schutz der Pflanzen- und Tierwelt in Einklang stehen.
  • Seltene und gefährdete Pflanzen- und Tierarten und ihre Lebensgemeinschaften sind zu fördern.

Literatur

  • Christiane Yvelin: Patrimoine en héritage. Murs de pierres sèches dans le paysage jurassien. Kulturerbe als Vermächtnis. Trockensteinmauern in der Juralandschaft. Bern 2021.
Commons: Les Prés d’Orvin – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

  1. Website des Parc régional Chasseral.
  2. Jürg Aufranc (u. a.): Atlas géologique de la Suisse 1:25'000. Feuille 1125 Chasseral. Notice explicative. Wabern 2017, S. 111.
  3. Jürg Aufranc (u. a.): Atlas géologique de la Suisse 1:25'000. Feuille 1125 Chasseral. Notice explicative. Wabern 2017, S. 47.
  4. Daniel Aubert: Phénomènes et formes du Karst jurassien. In: Eclogae Geologicae Helvetiae, 62. Jg., 1969, S. 325–396.
  5. Lukas Hauber, Urs Pfirter: Erläuterungen zur Hydrogeologischen Karte der Schweiz 1:100'000. Blatt 4. Zürich 1992, S. 20.
  6. Jürg Aufranc (u. a.): Atlas géologique de la Suisse 1:25'000. Feuille 1125 Chasseral. Notice explicative. Wabern 2017, S. 124.
  7. Lukas Hauber, Urs Pfirter: Erläuterungen zur Hydrogeologischen Karte der Schweiz 1:100'000. Blatt 4. Zürich 1992, S. 46.
  8. Votre eau potable d'ESB auf esb.ch, abgerufen am 8. März 2024.
  9. Lukas Hauber, Urs Pfirter: Erläuterungen zur Hydrogeologischen Karte der Schweiz 1:100'000. Blatt 4. Zürich 1992, S. 43.
  10. Rolf F. Rutsch, Werner Schwab, Hans Thalmann: Zur Karsthydrogeologie im südlichen Berner Jura. In: Eclogae Geologicae Helvetiae, 62. Jg., 1969, S. 285–302.
  11. Objektblatt «La Citerne» im Bundesinventar der Trockenwiesen und -weiden von nationaler Bedeutung.
  12. Christiane Yvelin: Les murs de pierres sèches dans le paysage jurassien. Société de Géographie de Genève, 14. November 2022.
  13. Trockenmauerbau in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen. In: Stiftung Umwelteinsatz.
  14. Les murs de pierres sèches du Jura ressuscitent un savoir-faire ancestral. auf batimag.ch, 21. September 2021, abgerufen am 2. März 2024.
  15. Objektblatt «Combe Gaumé» im Bundesinventar der Trockenwiesen und -weiden von nationaler Bedeutung.
  16. Objektblatt «Les Lavettes» im Bundesinventar der Trockenwiesen und -weiden von nationaler Bedeutung.
  17. Objektblatt «Crêt sor Neuchâtel» im Bundesinventar der Trockenwiesen und -weiden von nationaler Bedeutung.
  18. Jurahaus auf der Website der SAC-Sektion Biel.
  19. Website des Naturfreundehaus Les Prés-d’Orvin.
  20. Website des Satus Biel-Stadt, abgerufen am 27. Februar 2024.
  21. Website des Ski Club Romand Bienne, abgerufen am 27. Februar 2024.
  22. Website des Touristenclubs Biel, abgerufen am 27. Februar 2024.
  23. Website von Téléskis SA Les Prés-d’Orvin.
  24. Les Prés-d'Orvin Bike SchweizMobil-Route 844.
  25. Maurice Thiébaud: La flore de Chasseral. Ses éléments alpins. In: Les Alpes, 1957.
  26. Maurice Thiébaud: La flore de Chasseral. Ses éléments alpins. In: Les Alpes, 1957.
  27. Biodiversität auf parcchasseral.ch, abgerufen am 1. März 2024.
  28. Verzeichnis der geschützten Naturdenkmäler im Kanton Bern. In: Mitteilungen der Naturforschenden Gesellschaft in Bern, 10. Jg., 1953, S. 115.
  29. Curiosités naturelles auf orvin.ch, abgerufen am 1. März 2024.
  30. A. P.: L'épicéa vergé des Prés d'Orvin. (Picea excelsa LK. lusus virgata Caspary.) In: Journal forestier suisse, 85. Jg., 1934, S. 25–26.
  31. Albert Bassin (u. a.): Informationen über die ökologischen Ausgleichsmassnahmen Tscharner. Biel 2019.
  32. À Orvin, début du printemps rime avec floraison d’une mer de jonquilles auf be.ch, abgerufen am 1. März 2024.
  33. Trip zu den Osterglocken am Chasseral auf travelstory.ch, 16. April 2020, abgerufen am 2. März 2024.
  34. Pracht in Weiss. Narzissen in Seewis auf graubuenden.ch, abgerufen am 2. März 2024.
  35. Falls du in nächster Zeit nur einen Ausflug machen kannst, dann sollte es dieser hier sein. auf watson.ch, 14. April 2023, abgerufen am 2. März 2024.
  36. Narzissen im Berner Jura auf j3l.ch, abgerufen am 1. März 2024.
  37. L’agricultrice qui va à la rencontre des randonneurs et des campeurs, auf terrenature.ch, abgerufen am 1. März 2024.
  38. L’alouette lulu se plaît dans la région. auf rjb.ch, abgerufen am 1. März 2024.
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