Schmales Haus (Berlin)

Das schmalste Wohnhaus in Berlin steht im Berliner Ortsteil Wedding des Bezirks Mitte, in der Müllerstraße 156 d. Das im Jahr 1850 begonnene Gebäude ist 4,90 m breit und erhebt sich über fünf Etagen. Die kompakten beidseitig angebauten Wohnmiethäuser, jeweils ebenfalls fünf Etagen hoch, sind wegen größerer Raumhöhen mehrere Meter höher.

Schmales Haus
Frontansicht des Hauses Müllerstraße 156d

Frontansicht des Hauses Müllerstraße 156d

Daten
Ort Berlin
Bauherr Hermann August von Oppen
Baustil Gründerzeit mit Dekor im Jugendstil
Baujahr um 1850
Bauzeit 1850, Aufstockungen und Anbauten 1899, 1936, in den 1980er Jahren
Grundfläche 12,2 × 5,9 m²
Nutzfläche 34 m²
Koordinaten 52° 32′ 42,2″ N, 13° 21′ 39,4″ O
Schmales Haus (Berlin)
Schmales Haus (Berlin)

Bis in die 1970er Jahre gab es noch zwei schmalere Wohnhäuser und zudem befindet sich seit den 1990er Jahren im Ortsteil Wilmersdorf des Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf, am Kurfürstendamm, das schmalste Berliner Geschäftshaus.

Architektur

Die Grundrissmaße betragen: Breite (außen) 5,20 m[1], innen 4,60–4,90 m[2], Bautiefe: zirka 8 m (außen gemessen).

Der Zugang zu den oberen Räumen erfolgte anfangs über eine schmale Treppe vom Parterre im Inneren. Seit 1936 gibt es einen gesonderten Eingang mit Treppe von der Hofseite aus. Die Hofseite ist über einen Eingang/Durchgang im Nachbarhaus (Müllerstr. 157) erreichbar.

Über das Erdgeschoss erstreckt sich ein Ladengeschäft mit eigenem straßenseitigen Eingang, in dem sich seit 1977 die italienische Eisdiele von Franco dal Col befindet.[3][1] In den oberen Stockwerken sind Wohnungen untergebracht, die über zwei übereinanderliegende Etagen reichen.[4] Das Bauwerk verfügt nur über zwei Achsen. Die Fläche jeder Etage beträgt rund 35 m².[5]

Die verputzte Fassade an der Müllerstraße ist in ganzer Höhe mit aquarellartigen Malereien im Jugendstil verziert. Nicht bekannt ist, wer diesen Schmuck entworfen und aufgetragen hat, vermutlich entstand er im Ergebnis der Umbauarbeiten des Jahres 1936.

Das Bauwerk ist mit einem Flachdach über einer niedrigen Trockenetage abgeschlossen.[1]

Die Innenräume sind reichlich mit Stuck verziert. Ursprünglich hatte das Haus Toiletten zwischen den Geschossen. Die wurden später durch einen Duschraum auf Höhe der Wohnräume ersetzt, zusammen mit einem WC und einem kleinen Handwaschbecken auf rund einem Quadratmeter Fläche.[1]

Stetige Eigentümer- und Nutzerwechsel

Im Jahr 1895 wohnte hier nur der als Verwalter der Immobilie angegebene Zigarrenhändler Reichardt.[6]

Um das Jahr 1900 befanden sich im Erdgeschoss die Putzhandlung, betrieben von Fritz Dreyer[7] sowie die Milchhandlung von August Günther[8]. Die ersten im gleichen Jahr im Berliner Adressbuch ausgewiesenen Mieter der Wohnungen waren der Rohrleger August Klaar und der Postbeamte Max Nauendorf.[9][10]

1902 wohnten hier Auguste Kerner, geb. Schwän[11] und der Bürstenfabrikant M. Fiedler[12].

Die Mieter wechselten in der Folge häufig. Beispielsweise wohnten im Jahr 1933 der Bürogehilfe Max Fiedler[13] und der Glasbläser W. Richter in dem Haus.[4]

Im Jahr 1943 werden als Eigentümer die Reichardtschen Erben genannt und als Bewohner die Witwe E. Fiedler, der Behördenangestellte O. Reichardt und der Maschinist B. Schmidt.[14]

Der italienische Musikinstrumentenbauer Nello Frati wurde direkt nach Kriegsende Mieter in dem Haus. Später, im Jahr 1967 hat die Firma Krüger & Oberbeck, ein deutschlandweiter Tabakhändler, hier eine Filiale eröffnet.[3]

Das Berliner Adressbuch nennt im Jahr 1970 noch immer die Reichardtschen Erben als Besitzer, Mieter im Haus waren zu dieser Zeit Helene Zappe, Bernhard Schmidt und Lucie Virchow.[15]

Wegen der geringen Nutzflächen wohnt in den 2020er Jahren nur noch eine Familie in dem Gebäude auf allen vier Etagen.[5]

Geschichte

Mit dem preußischen Erbpachtgesetz von 1855 wurden Haus- oder Grundstücksbesitzer zu Immobilieneigentümern, gemäß Adressbüchern wird der Bauunternehmer Schmidt für die Grundstücke in der Müllerstraße 156 angegeben. Diese wurden nun in drei etwa gleich große Bauflächen geteilt (a, b, c) und stückweise lukrativ verkauft. Eine sehr kleine Fläche, mit „d“ bezeichnet, blieb übrig.[1] Diese Restparzelle erwarb der Premierleutnant a. D. Baron Hermann August von Oppen (* 1828), wohnhaft in Charlottenburg bei Berlin[16], der hier neben den bereits gebauten Wohnmietshäusern (156 a, b, c) ein dreietagiges schmales Wohnhaus mit recht niedrigen Raumhöhen bauen ließ und so durch Vermietung sein Kapital gewinnbringend anlegen konnte. Bald übernahm jedoch ein Gastwirt das Anwesen und betrieb parterre einen Gastraum, die Arbeitsräume richtete er im Keller ein.

Auf der Hofseite der Parzelle hatte E. Zänker bis dahin eine Baumaterialienhandlung betrieben.[17][3] Das Baumaterialiengeschäft, nun von Dreyer geführt, richtete sich als Nächstes im Parterre des Hauses ein.[6]

Es dauerte wieder nicht lange, da erwarb der Zigarrenfabrikant Emil Reichardt das Haus, nachdem der Hauseigentümer Baron von Oppen verstorben war, von dessen Witwe Baronin Wilhelmine von Oppen (die inzwischen in Warnemünde wohnte); Reichardt war zuvor schon Verwalter.[3][18]

Nun wurde vom Parterre zum darüber liegenden Wohngeschoss eine Sprechröhre eingebaut, um die Besucher im Zigarrenladen schneller bedienen zu können. In den oberen Stockwerken gab es zwei Mieter. Als Reichardt wegen Familienzuwachses mehr Platz benötigte, ließ er das Haus um weitere zwei Etagen aufstocken. Der Zugang zu den Etagen erfolgte direkt von der Ladenfläche aus.[1]

Das Adressbuch von 1920 nennt als Eigentümerin und Betreiberin des Zigarrengeschäftes nun Marie Reichardt.[19]

Im Jahr 1936 wurde Kaufmann Marold neuer Eigentümer und eröffnete in den Verkaufsräumen eine Kaffee-Handlung. Zugleich ließ er hofseitig einen gesonderten Zugang zu den Wohneinheiten anbauen.[1] Im Haus gab es weiterhin drei Mietparteien.

Zwischen 1945 und ca. 1975 sind keine baulichen Maßnahmen überliefert. Anfang der 1980er Jahre veranlasste die Familie des Eisverkäufers hofseitig den Anbau einer Küche im Parterre.[1]

Sonstige schmale Häuser in Berlin

„Schmales Handtuch“, Müllerstraße 83, Gärtnerhaus aus dem frühen 19. Jahrhundert

Müllerstraße 83

Bis um 1940 war ein Wohnhaus in der Müllerstraße 83 noch schmaler als das oben beschriebene, es verfügte ebenfalls nur über zwei Achsen (siehe Bild). Es war wohl als eines der ersten Wohnhäuser an dieser Straße entstanden und diente dem Gärtner des Vorwerks als Unterkunft. Eine Zeitzeugin hatte es so beschrieben: „Im Erdgeschoß lag der Stall. Um in die beiden einzigen Wohnräume zu kommen, mußten die Bewohner eine Stiege hinaufgehen.“[1]

Gemäß dem Berliner Adressbuch von 1885 (in dem der Wedding mit der Müllerstraße erstmals aufgenommen ist) befand sich das Häuschen im Eigentum des Kaufmanns A. Jaffé (aus der Auguststraße) und ein Landwirt nutzte es.[20]

Weitere Nutzer im Laufe der Jahrzehnte waren:

  • 1890: (weiterhin) Jaffé; statt eines Landwirts tritt ein Maurer als Verwalter und Bewohner auf.[21]
  • 1901: Jaffé weiterhin Eigentümer, Verwalter und Bewohner war der Kaufmann W. Kirx[22]
  • 1920: Jaffé war verstorben und hatte das kleine Anwesen der Stadt Berlin vermacht. Kaufmann Kirx (jetzt Kirks geschrieben) durfte wohnen bleiben.[23]
  • 1937: Eigentümer der Immobilie, die Stadt Berlin, hatte sie an einen Kohlenhändler vermietet (1937).[24]
  • Spätestens Anfang der 1940er Jahre wurde der Winzling abgerissen, die Parzelle mit der Nachbarfläche (Nr. 82) zusammengelegt und komplett neu bebaut. Es entstand ein mehretagiges Mietwohnhaus.[25]
Grundrissplan mit den Bauten Am Zwirngraben, 1846

Am Zwirngraben 1/2

Noch im 20. Jahrhundert galt ein Gebäude im Stadtbezirk Mitte, Adresse Am Zwirngraben 1/2, mit einer Breite von zwei Metern und nur einer Fensterachse als das schmalste Wohnhaus in Berlin.[26] In den 1840er Jahren war Commerzienrath Carl der einzige Bewohner darin.[27] Dieses schmale Haus befand sich 1850 im Eigentum einer Aktiengesellschaft des Tuchfabrikanten B. Busse.[28] Es hat aber die Jahrzehnte nicht überdauert und wurde wohl irgendwann in den 1930er Jahren abgerissen.[1]

Im Jahr 1943 führt das Berliner Adressbuch noch die Straße Am Zwirngraben, es gibt hier jedoch keine Bewohner mehr, dafür diese Hinweise: Nr. 1 und Nr. 2 gehören zur Neuen Promenade, Nr. 3 gehört zur Spandauer Brücke 9.[29]

Der Straßenname blieb erhalten und das frühe Baujahr wird heute von einem Restaurant direkt in den S-Bahnbögen am Bahnhof Hackescher Markt genutzt: Restauration 1840.[30]

Kurfürstendamm 70, das schmalste Bürohaus Berlins

Handtuchhaus Ku’damm 70

Das schmalste Bürogebäude Berlins steht im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf am Kurfürstendamm 70, Nähe Adenauerplatz. Es wurde 1992–1994 vom Architekten Helmut Jahn (Murphy/Jahn Architects) auf einem Baugrundstück mit einer Flächentiefe von 2,50 m zzgl. eines ein Meter breiten Streifens vom eigentlichen Fußweg geplant und errichtet. Die Restbaufläche, die nach der Anlage der Lewishamstraße als unbebaubar galt, wurde somit optimal genutzt. Die Grundfläche des Gebäudes im tragenden Erdgeschoss beträgt 700 m², mit Hinzurechnung des Überhangs über dem Fußweg der Lewishamstraße ergeben sich für die Etagen 1 bis 6 Nutzflächen von je zirka 1300 m².[31]

Inoffiziell heißt das sechsetagige Haus mit einer Stahl-Glas-Fassade wegen seines langen schmalen Grundrisses auch das Handtuchhaus.[32][33]

Die Nutzflächen resultieren aus dem langrechteckigen Grundriss, der sich zur abgerundeten Straßenecke am Kurfürstendamm mit fünf Fensterachsen zeigt. Genutzt wird jede Etage des Bürohauses von anderen Unternehmen: eine Rechtsanwaltsgesellschaft[34], eine Geschäftsführungsgesellschaft[35], eine Kanzlei für Verkehrsrecht[36], ein Immobilienmakler[37] und die Volland Unternehmensgruppe[38].

Commons: Schmales Haus – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Kathi Seefeld: Wohnen im Winzling. Die Tageszeitung, abgerufen am 13. Februar 2024.
  2. Kommentar: Mehrere Quellen geben unterschiedliche Breiten an.
  3. Klaus Tolkmitt: Berlins schmalstes Haus. Abgerufen am 7. Februar 2024.
  4. Das schmalste Haus Berlins. Haus und Grund, Gesellschaft, abgerufen am 6. Februar 2024.
  5. Das schmalste Haus in Berlin, abgerufen am 5. Februar 2024.
  6. Müllerstraße 156d. In: Berliner Adreßbuch, 1895, Teil II, S. 386 (Mieter werden zu dieser Zeit nicht genannt.).
  7. Dreyer, Fritz > Müllerstr. 156 d, pt. In: Adreßbuch für Berlin und seine Vororte, 1900, Teil I, S. 278.
  8. Günther, Oscar > Milchhandlung > Müllerstr. 156 d. In: Adreßbuch für Berlin und seine Vororte, 1900, Teil I, S. 491.
  9. Nauendorf, Max > Postbeamt., > Müllerstr. 156b III. In: Adreßbuch für Berlin und seine Vororte, 1900, Teil I, S. 1082.
  10. Wedding > Müllerstraße 156d. In: Adreßbuch für Berlin und seine Vororte, 1900, Teil II.
  11. Kerner, Frau > Müllerstr. 156d. In: Adreßbuch für Berlin und seine Vororte, 1902, Teil I, S. 784.
  12. Müllerstr. 156 d. In: Adreßbuch für Berlin und seine Vororte, 1902, Teil III, S. 462.
  13. Fiedler, Max, Bürogeh., Müllerstr. 156 d. In: Berliner Adreßbuch, 1933, Teil I, S. 589.
  14. Müllerstr. 156 d. In: Berliner Adreßbuch, 1943, Teil IV, S. 600.
  15. Stadtadressbuch Berlin (West), 1970 > Wedding > Müllerstraße 156.
  16. Übersicht der Adelsfamilie von Oppen > Friedrich August von Oppen (1855-?), verheiratet mit Wilhelmine, geb. von Salisch, abgerufen am 13. Februar 2024.
  17. Zänker, E. > Baumaterialienhdl. > Müllerstr. 156d. In: Berliner Adreßbuch, 1892, Teil II, S. 1502.
  18. Müllerstr. 156c > Reichardt, Emil. In: Adreßbuch für Berlin und seine Vororte, 1902, Teil I, S. 1348.
  19. Müllerstr. 156 d. In: Berliner Adreßbuch, 1920, Teil III, S. 597.
  20. Müllerstr. 83 > Kleinfeldt, Landwirth. In: Berliner Adreßbuch, 1885, Teil II, S. 285.
  21. Müllerstr. 83. In: Berliner Adreßbuch, 1890, Teil II.
  22. Müllerstr. 83 > (E) A. Jaffé (jetzt Camphausenstr.); (V) W. Kirx, Handelsmann. In: Adreßbuch für Berlin und seine Vororte, 1901, Teil IV, S. 2562.
  23. Müllerstr. 83. In: Berliner Adreßbuch, 1920, Teil III.
  24. Müllerstr. 83. In: Berliner Adreßbuch, 1937, Teil III.
  25. Müllerstr. 82/83. In: Berliner Adreßbuch, 1943, Teil III, S. 587.
  26. Am Zwirngraben, berlingeschichte.de, abgerufen am 13. Februar 2024.
  27. Alt-Berlin > Am Zwirngraben 1/2. In: Allgemeiner Wohnungsanzeiger für Berlin, Charlottenburg und Umgebungen, 1841, Teil I.
  28. Am Zwirngraben. In: Berliner Adreßbuch, 1850, Teil V, S. 161.
  29. Am Zwirngraben. In: Berliner Adreßbuch, 1943, Teil IV, S. 1006.
  30. Website Restauration 1840, abgerufen am 13. Februar 2024.
  31. Grundriss mit dem Maßtool von Google Earth grob abgemessen.
  32. Bürogebäude am Adenauerplatz (Handtuchhaus), abgerufen am 13. Februar 2024.
  33. Basisinformationen zum Geschäftshaus Kurfürstendamm 70 auf architektur-bildarchiv.de; abgerufen am 13. Februar 2024.
  34. Website Consulting/RAE Pietschmann
  35. Website CMI-Geschäftsführungsgesellschaft
  36. Website Kanzlei für Verkehrsrecht
  37. Website Immobilienmakler
  38. Website Volland Unternehmensgruppe
This article is issued from Wikipedia. The text is licensed under Creative Commons - Attribution - Sharealike. Additional terms may apply for the media files.