Kraftwerk Wägital

Das Kraftwerk Wägital, bis 1974 Kraftwerk Wäggital,[1] ist ein Pumpspeicherkraftwerk im Kanton Schwyz. Die zweistufige Anlage war bei ihrer Inbetriebnahme das grösste Pumpspeicherkraftwerk der Welt. Zum Kraftwerk gehört der Wägitalersee, dessen Staumauer Schräh bei ihrer Fertigstellung die höchste der Welt war. Erbaut wurde das Kraftwerk zwischen 1922 und 1926, ein Teilbetrieb war bereits 1924 möglich.

Kraftwerk Wägital
Lage
Koordinaten 710783 / 225562
Land Schweiz Schweiz
Kanton Schwyz Schwyz
Ort Siebnen, Rempen, Innerthal
Gewässer Wägitalersee, Rempenbecken
Höhe Oberwasser 901 m ü. M.
Kraftwerk
Eigentümer Axpo und EWZ
Betreiber AG Kraftwerk Wägital
Planungsbeginn 1911
Bauzeit 1922–1926
Betriebsbeginn 1924/1926
Denkmalgeschützt seit Zentrale Siebnen:
(Datum der Unterschutzstellung nicht bekannt)
Technik
Engpassleistung Rempen: 60 Megawatt
Siebnen: 48 Megawatt
Durchschnittliche
Fallhöhe
Rempen: 235 m
Siebnen: 185 m
Ausbaudurchfluss Rempen: 30 m³/s
Siebnen: 32 m³/s
Regelarbeitsvermögen Rempen: 60 Millionen kWh/Jahr
Siebnen: 60 Millionen kWh/Jahr
Turbinen Rempen: 4 × Francis-Turbinen
Siebnen: 4 × Francis-Turbinen
Generatoren Rempen: 4 × Drehstrom-Synchronmaschinen
Siebnen: 4 × Drehstrom-Synchronmaschinen
Sonstiges
Stand 1. Januar 2023

Geschichte

Die Geschichte des Kraftwerks beginnt 1895, als sich das Wetziker Konsortium, bestehend aus Zürcher Oberländer Industriellen, sich zum Ziel setzte, im wasserreichen und topografisch günstigen Innerthal ein Kraftwerk zu errichten. Die Bezirkslandgemeinde March erteilte 1896 die Konzession zur Nutzung der Wasserkraft. Sondierungen am Standort der geplanten Staumauer ergaben geologische Risiken, so dass 1898 eine zweite Konzession für eine Ausweichvariante mit einem Erddamm eingeholt wurde. Die Konzession wurde 1899 vom Wetziker Konsortium an die Maschinenfabrik Oerlikon (MFO) abgetreten, die damals führend auf dem Gebiet der Stromerzeugung und -übertragung war.[2] Das Projekt sah vor, auf der hinteren Talhälfte hinter dem Schlierenbachdelta einen 25 Meter hohen Erddamm zu errichten. Von dort sollte das Wasser durch Stollen zu den Turbinen in Siebnen geleitet werden. Auch das Projekt der MFO wurde nicht realisiert und 1910 zusammen mit der Konzession an die Elektrizitätswerke des Kantons Zürich (EKZ) verkauft. Diese bildeten zusammen mit dem Elektrizitätswerk der Stadt Zürich die Wägitalkommission für die Planung und den Bau des Kraftwerks. Nach der Gründung der Nordostschweizerischen Kraftwerke AG (NOK) im Jahre 1914 traten die EKZ ihren Anteil an die neue Gesellschaft ab. Die Planung der heutigen Anlage begann. Im Gegensatz zu früheren Projekten wurde eine höhere Staumauer und ein zweistufiger Ausbau als Pumpspeicherkraftwerk zur Erzeugung von Spitzen- und Winterenergie vorgesehen.[2] Für dieses Kraftwerk wurde 20. Januar 1918 eine neue Konzession zur Nutzung der Wasserkraft der Wägitaler Aa und des Trepsenbaches mit einer Laufzeit von 80 Jahren erteilt. Bis 1921 wurde das Projekt zur Baureife gebracht. Am 25. November 1921 wurde die Aktiengesellschaft Kraftwerk Wäggital gegründet und im Frühjahr 1922 offiziell mit dem Bau begonnen. 1998 wurde die Konzession bis 2024[3] erteilt.

Anlage

Längenprofil der Kraftwerksanlage

Das Kraftwerk ist als zweistufige Anlage konzipiert, wobei die obere Stufe ermöglicht einen Pumpspeicherbetrieb ermöglicht. Für den Betrieb der oberen Stufe wird das Wasser im Wägitalersee mit einem Einzugsgebiet von 42,4 km²[4] gesammelt und über einen Druckstollen zum Wasserschloss und Apparatehaus im Oberen Sptizwald oberhalb von Rempen geleitet und von dort über zwei oberirdische Druckleitungen zum Maschinenhaus Rempen geführt. Das Nettogefälle der oberen Stufe beträgt zwischen 223 und 247 m.[5] Vom Maschinenhaus Rempen fliesst das Wasser in den Rämpensee, auch Rempenbecken genannt, mit einem Nutzinhalt von 360'000 m³. Der See selbst hat ein weiteres Einzugsgebiet von 40 km², darunter das Einzugsgebiet des Trepsenbachs, dessen Wasser auf 642 m ü. M. gefasst wird und über einen 260 m langen Stollen in den See geleitet wird. Er dient als Ausgleichsbecken und als Reservoir für den Pumpbetrieb. Für den Betrieb der unteren Stufe wird das Wasser vom Rämpensee über einen Druckstollen zum Wasserschloss und Apparatehaus am Stockberg bei Eisenburg geleitet und von dort über zwei unterirdisch verlegte Druckleitungen zum Maschinenhaus Siebnen geleitet. Das Nettogefälle der unteren Stufe beträgt 180 bis 190 Meter.[6]

Staumauer Schräh

Staumauer Schräh mit Wägitalersee
Baustelle der Staumauer im August 1924

Die Staumauer Schräh ist als Gewichtsstaumauer ausgeführt. Von den 111 m Gesamthöhe sind 66 m sichtbar über der Talsohle. Die Krone ist 150 m lang und 4 m breit.

Die maximale Staukote 900 m ü. M. berücksichtigt einen Meter Sicherheitsmarge, der für den Fall eines Bergsturzes oder Hochwassers vorgeschrieben ist. Das Füllen des Wägitalersees dauerte zwei Jahre, aus diesem Grund wurde schon während des Baus der Staumauer mit dem Aufstauen begonnen. Der Stausee wird als Einjahres-Speicher benutzt und darf aus geologischen, landschaftlichen und betrieblichen Gründen nur auf die minimale Staukote 880 m ü. M. abgesenkt werden. Der höchste Seestand im Jahreszyklus wird jeweils im Herbst erreicht. Das im See gespeicherte Wasser wird zum grössten Teil zur Stromerzeugung im Winter benutzt. Der tiefste Seestand wird somit jeweils im Frühling erreicht, bevor die Schneeschmelze einsetzt.

Auf der linken Seite befindet sich die Hochwasserentlastung mit drei Schützentafeln von einer Gesamtabflusskapazität von 105 m³/s.

Um die Hochwassersicherheit zu gewährleisten, wurde nachträglich auf der linken Seite ein Grundablass erstellt. Die zwei hintereinander montierten Abschlussorgane haben eine Kapazität von 45 m³/s. Zum Bau wurde von Tauchern wasserseitig eine Glocke angebracht und mit einer Tunnelbohrmaschine den Stollen durch die Staumauer gebohrt. Um die Taucharbeiten auszuführen, wurde der See auf die minimale Staukote abgesenkt.

Der 1924 beim Bau der Staumauer erstellte Grundablass mit drei Abschlussorganen hintereinander, wurde in den späten 90er-Jahren ausser Betrieb genommen und mit Beton ausgegossen.

Zentrale Rempen

Transport des 25 t schweren Rotors von einem der Generatoren
Fertig montierte Francis-Turbine bei Escher Wyss in Zürich.

Das Bauwerk ist ein mit Kalksandstein ummauerter Eisenhochbau mit rechteckigem Grundriss und Walmdach. Die Pläne für den Bau stammen von den Architekturbüro Müller & Freitag.

Die Zentrale Rempen wurde 1958 ausgebaut. Die Fassade wurde zwischen 1969 und 1972 renoviert, dabei wurde der blaue Anstrich und der von Bodmer und Rubli angebrachte gemalte Fries, aus einer Abfolge von Tondo und fünf kannelürenartigen Säulen, an der Dachuntersicht 1970 entfernt.

Bei der Erstinstallation wurden vier vertikalachsige Francisturbinen mit jeweils 19'000–20'000 PS an der Turbinenwelle bei 500 Umdrehungen pro Minute eingebaut. Jede Turbine besitzt einen eigenen Drehstromgenerator mit Ausgangsspannung 8800 Volt und einer Leistung von 16'500 kVA. Die Turbinen der Zentrale Rempen konnten eine Wassermenge von bis 30 m³/s ausnützen. Jede Turbine hatte einen Turbinenregler mit Fliehkraftregler und eine kleine Pelton-Turbine. Diese Hilfsturbine wurde benötigt, um den Leitapparat mit Öldruck zu versorgen.

Die vier Zentrifugalpumpen in der Zentrale Rempen, mit einer Leitung von rund 5000 PS, sind der Lage 1,25 m³/s maximal 260 Meter hoch zu fördern. Dies reicht aus, um fast den gesamten Sommerabfluss des bei Rempen gefassten Gebietes in den Wägitalersee zu fördern.

Zum Betrieb der Zentrale Rempen waren rund um die Uhr zwei Maschinisten anwesend. Diese mussten beim An- und Abfahren der Maschinengruppen eine festgelegte Sequenz händisch abarbeiten. Zur Kommunikation zwischen dem Mechaniker auf dem Turbinenboden und dem elektrischen Schaltwart auf dem balkonartigen Laufgang im ersten Obergeschoss wurden Glühlampen eingesetzt. Somit wusste der andere Maschinist, wann er den nächsten Schritt in der Sequenz ausführen kann.

Die Leistung wird mit einer 50-kV-Leitung mit vier Stromkreisen vom Schalthaus Siebnen übertragen.

Im Jahre 1972 wurde das Gebäude der Zentrale Rempen renoviert. Ein neuer Kommandoraum mit angrenzendem Relaisraum ersetzten die elektrische Bedienstelle auf dem balkonartigen Laufgang sowie die Vorort-Bedienstellen an den Maschinengruppen. Die Turbinen, Generatoren und Pumpengruppen konnten nun von einem Maschinisten zentral überwacht und automatisiert gefahren werden. Die einzelnen Maschinentransformatoren wurden durch zwei Transformatoren 50/9 kV (NOK) und 150/9 kV (EWZ) ersetzt. Die Maschinengruppen wurden durch zwei Sammelschienen mit den Transformatoren verbunden.

Die vier Speicherpumpen-Motoren wurden durch neue 9200 Volt Dreiphasen-Synchronmaschinen aus der Maschinenfabrik Oerlikon (Zürich) ersetzt. Bei einer Nenndrehzahl von 750 Umdrehungen pro Minute kann eine Leistung von 4400 kW an die Pumpe abgegeben werden. Die Kühlung wird dabei durch Wasser-Luftkühler sichergestellt.

Die Turbinenregler wurden durch Öldruckregulatoren mit Servomotor ersetzt. Ein Fliehkraftpendel hielt die Drehzahl konstant. Zum Öffnen des Leitapparates wurde eine Ölhydraulik verwendet, zum Schliessen Wasserdruck von der Druckleitung.

1996 wurden die Polspulen der vier Generatoren ersetzt, da die Isolation der damals über 70-jährigen Wicklungen ungenügend waren. Die Kosten beliefen sich auf ca. 650'000 CHF pro Generator.

Staumauer Rempen

1981 wurde die Staumauer Rempen umgebaut. Als Abschlussorgane sind zwei Grundablässe mit je einem Durchfluss von ca. 90 m³/s verbaut. Unter der Dammkrone sind vier Saugheber-Hochwasserentlastungen sowie eine automatische Überlaufklappe installiert. Auf der rechten Staumauerseite befindet sich der Einlauf mit Drosselklappe zum Druckstollen der Zentrale Siebnen.

Zentrale und Schalthaus Siebnen

Zentrale Siebnen

Die beiden Betonbauten wurden nach Plänen der Gebrüder Adolf und Heinrich Bräm erbaut. Das Schalthaus ist dabei länger als die Zentrale. Dieser kürzere, parallel zur Wägitaler Aa stehende Bau besitzt ein als Frontturm ausgebildetes Treppenhaus mit dem Hauptportal. Über diesem Portal stehen die beiden Muschelkalkplastiken, die den Ingenieur als Schöpfer und die in den Dienst des Menschen genommene Aa personifizieren. Diese beiden Plastiken wurden von Otto Kappeler geschaffen.

In der Zentrale waren bei der Erstinstallation vier vertikalachsige Francisturbinen mit jeweils 16'000 PS an der Turbinenwelle eingebaut. Die daran angeschlossenen Drehstromgeneratoren weisen eine Leistung von 16'500 kVA bei 8800 Volt Ausgangsspannung auf. Diese Turbinen der Zentrale Siebnen konnten eine Wassermenge von bis 32 m³/s ausnützen.

Im Schalthaus standen bei der Erstausrüstung vier Transformatoren 8,8 kV/50 kV und drei Transformatoren 50 kV/150 kV. Damit wurden zehn abgehende 50-kV- und zwei abgehende 150-kV-Leitungen gespeist. Dazu kommen die vier 50-kV-Übertragungsleitungen von der Zentrale Rempen.

Bau

Die Bauleitung wurde aufgeteilt. Für den baulichen Teil war der Ingenieur Felix Gugler – zugleich Direktor der NOK –, für den elektro-mechanischen Teil der Ingenieur W. Trün – zugleich Direktor des ewz – zuständig.

Beteiligte Firmen:

Werbung von Hch. Hatt-Haller mit Abbildung der Staumauer «im Schräh»
  • Staumauer Schräh: Hatt-Haller (Zürich), Ed. Züblin & Co (Zürich)
  • Staumauer Rempen: Locher & Cie (Zürich)
  • Oberer Druckstollen und Wasserfassung: Baumann & Stiefenhofer (Wädenswil)
  • Unterer Druckstollen: Simonett & Cie (Zürich)
  • Obere Druckleitung: Unterbau; Dr. G. Lücher (Aarau) genieteter Teil; Gebrüder Sulzer (Winterthur) wassergasgeschweiter Teil; Mannesmannwerke (Düsseldorf) Montage; Gebrüder Sulzer
  • Untere Druckleitung: Unterbau; J.J. Rüegg & Co (Zürich) Leitung; Gebrüder Sulzer mit Mannesmannwerke Düsseldorf, Escher Wyss & Cie und Wartmann, Vellette & Co Erdarbeiten + Montagemithilfe; G. Spärry (Näffels)
  • Maschinenhaus Rempen: Simonett & Co (Zürich)
  • Maschinenhaus Siebnen und Schalthaus: J.J. Rüegg & Co
  • Turbinen: Escher Wyss & Co (Zürich)
  • Generatoren (Rempen) und Transformatoren (Rempen + Siebnen): Brown, Boveri & Cie. (Baden)
  • Generatoren (Siebnen): Maschinenfabrik Oerlikon (Zürich)
  • Hochdruck-Zentrifugalpumpen (nur Rempen): Gebrüder Sulzer (Winterthur)
  • Motoren der Hochdruck-Zentrifugalpumpen (nur Rempen): Maschinenfabrik Oerlikon (Zürich)

Literatur

  • Das Kraftwerk Wäggital. In: Schweizerische Bauzeitung. Band 98, 1931.
  • Schweizerischer Wasserwirtschaftsverband und Verband Schweizerischer Elektrizitätswerke (Hrsg.): Führer durch die schweizerische Wasser- und Elektrizitätswirtschaft. Band 2, 1949, S. 706–711.
  • Pietro Quadranti: Schräh. Datenblatt der Staumauer. Hrsg.: Schweizerische Talsperrenkomitee. (swissdams.ch [PDF]).
  • Albert Jörger: Die Kunstdenkmäler des Kantons Schwyz. 82. Neue Ausgabe II. Der Bezirk March. Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte, 1989, ISBN 978-3-909158-22-5, S. 171–172.
  • Gustav Kruck: Das Kraftwerk Wäggital. In: Naturforschenden Gesellschaft in Zürich (Hrsg.): Neujahrsblatt. Nr. 125. Beer, Zürich 1925 (ngzh.ch [PDF]).
  • Rittmeyer AG (Hrsg.): Kraftwerk Wägital (CH). Datenblatt. (archive.org [PDF]).
Commons: Kraftwerk Wägital – Sammlung von Bildern
  • AG Kraftwerk Wägital. Axpo, archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 29. Juni 2012;.
  • Talsperre Schräh. In: Structurae
  • Geschäftsberichte und Zeitungsartikel von 1922 bis 1944 zum Kraftwerk Wägital in den Historischen Pressearchiven der ZBW

Einzelnachweise

  1. Albrecht Jörger, S. 172
  2. Aldo Rota: Das Kraftwerk Wägital. In: Tec21. Band 136, Nr. 37, 10. September 2010, Ein Werk, zwei Besitzer, S. 22, doi:10.5169/SEALS-130712 (e-periodica.ch).
  3. Kraftwerk-Konzession: Bezirk rüstet sich für Neuverhandlung. Abgerufen am 1. März 2024.
  4. Geoserver der Schweizer Bundesverwaltung (Hinweise)
  5. Rempen. Excel-Datei. In: Statistik der Wasserkraftanlagen. Bundesamt für Energie, 1. Januar 2023, abgerufen am 3. März 2024.
  6. Siebnen. Excel-Datei. In: Statistik der Wasserkraftanlagen. Bundesamt für Energie, 1. Januar 2023, abgerufen am 3. März 2024.
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